Lehrkräfte sind oft die ersten Erwachsenen außerhalb der Familie, die bemerken, wenn bei einem Kind etwas nicht stimmt. Veränderungen im Verhalten, in der Konzentration oder im Auftreten können Hinweise darauf sein, dass ein Jugendlicher zu Hause mehr Verantwortung trägt, als es seinem Alter entspricht. Lydia begleitet bei Alles Clara pflegende Angehörige und Menschen in deren Umfeld. Die folgende fiktive Anfrage zeigt eine typische Situation aus dem Schulalltag und wie wichtig es ist, aufmerksam zu bleiben und behutsam Unterstützung anzubieten.

Lydia ist Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin bei der Diakonie de La Tour und Beraterin bei Alles Clara.
Fiktive Anfrage einer Lehrerin
„Ich unterrichte eine 2. Klasse einer Mittelschule und mache mir seit einigen Wochen Sorgen um eine Schülerin. Sie war früher pünktlich, aufmerksam und sehr zuverlässig. Seit einiger Zeit kommt sie jedoch immer häufiger zu spät, wirkt erschöpft und hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Aufgaben, die sie früher gewissenhaft erledigt hat, bleiben nun öfter unvollständig oder werden vergessen.
In Gesprächen mit ihr bleibt sie freundlich, aber sehr zurückhaltend. Ich habe das Gefühl, dass sie etwas schützen möchte oder Angst hat, sich zu öffnen. Vor Kurzem hat sie beiläufig erwähnt, dass sie morgens „noch etwas erledigen muss, bevor sie los kann“. Gleichzeitig wirkt sie oft angespannt, als würde sie sich Sorgen machen, was zu Hause passiert, während sie in der Schule ist.
Ich weiß, dass ihre Mutter vor einiger Zeit krank gewesen sein soll. Die Schülerin hat das nie direkt angesprochen, aber es fällt mir auf, dass sie sehr genau weiß, wann ihre Mutter Termine hat oder wie es ihr geht. Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich frage mich, ob sie zu Hause mehr Verantwortung übernimmt, als für ein Kind in diesem Alter üblich ist.
Ich möchte ihr helfen, ohne sie zu bedrängen oder sie in eine unangenehme Situation zu bringen. Wie kann ich als Lehrerin sensibel und hilfreich vorgehen, wenn ich den Verdacht habe, dass ein Jugendlicher zu Hause zu viel Verantwortung trägt, aber selbst Angst hat, darüber zu sprechen?
Liebe Grüße
Anita“

Antwort von Lydia
Liebe Anita,
dass du als Lehrkraft eine plötzliche oder schleichende Veränderung bei deiner Schülerin bemerkt hast – dieses Aufmerksam‑Sein, dieses „Gesehen‑werden“ – ist bereits ein erster wichtiger Schritt. Die Verantwortung zu übernehmen und zu wissen, dass du vielleicht der entscheidende Rettungsanker für das Mädchen bist, braucht eine sehr sensible, feinfühlige Herangehensweise. Der Grat zwischen zu viel Druck und dem Nicht‑Ansprechen ist oft sehr schmal.
Veränderungen im Verhalten und in den Leistungen, so wie du es beschrieben hast, können auf emotionale, familiäre oder gesundheitliche Probleme hinweisen. Wichtig ist hier, keine Interpretationen zuzulassen, sondern sachlich und wertfrei deine Beobachtungen zu dokumentieren. Frage auch bei deinen Kolleginnen und Kollegen nach, ob ihnen ebenfalls Veränderungen bei der Schülerin aufgefallen sind.
Du hast schon vorsichtig mit einem Gespräch vorgefühlt. Jetzt wäre es wichtig, weitere Signale der Gesprächsbereitschaft zu setzen, für den Moment, in dem deine Schülerin bereit ist. Dazu eignet sich ein diskretes Vier‑Augen‑Gespräch in einem geschützten Rahmen. Möglicherweise bietet sich eine Freistunde an oder direkt nach dem Unterricht, wenn die Mitschüler das Klassenzimmer bereits verlassen haben. Niemals vor der Klasse ansprechen, da sich das Mädchen dadurch bloßgestellt fühlen könnte.
Beginne das Gespräch positiv und wertschätzend, indem du deiner Schülerin versicherst, dass du nicht hier bist, um ihre Leistungen zu bewerten. Versichere ihr, dass es kein „Strafgespräch“ wegen Müdigkeit oder Konzentrationsschwäche wird, sondern dass du ein verlässlicher Erwachsener bist, der Unterstützung anbietet.
„Danke, dass du dir kurz Zeit nimmst. Mir ist in den letzten Wochen aufgefallen, dass du im Unterricht oft sehr müde wirkst und viel Kraft brauchst. Ich mache mir Sorgen um dich, weil ich weiß, wie fleißig du eigentlich bist. Wie geht es dir im Moment? Möchtest du mir anvertrauen, was dich belastet? Du musst mir gar nichts erzählen, was du nicht möchtest. Das ist völlig okay. Ich sehe nur, dass du im Moment ganz schön viel im Kopf hast und deine Akkus oft leer sind. Ich möchte, dass die Schule für dich ein Ort ist, an dem du durchatmen kannst. Wir könnten folgendes vereinbaren: Wenn du es wegen der Situation zu Hause einmal nicht schaffst, die Hausübung zu machen, sagst du mir vor der Stunde kurz Bescheid und wir schauen, dass du es in den Freiarbeitsphasen nachholst. Wäre das eine Hilfe für dich? Wenn du müde wirst im Unterricht, darfst du jederzeit kurz aufstehen, dir ein Glas Wasser holen oder kurz frische Luft schnappen gehen. Ich möchte dir nur sagen: Ich bin auf deiner Seite und bin da für dich, wenn du jemanden zum Reden brauchst.“
Mit diesen kleinen, spürbaren Entlastungen im Schulalltag setzt du ein Signal des Verständnisses und kannst Vertrauen aufbauen.

Das Thema „Young Carer“ kannst du behutsam ansprechen. Verwende nicht sofort Fachbegriffe, sondern beschreibe die Situation lebensnah:
„Ich habe das Gefühl, dass du im Moment zu Hause unheimlich viel leisten musst, dass du jemanden unterstützt, der deine Hilfe braucht. Weißt du, dass es österreichweit sehr viele Jugendliche gibt, denen es ähnlich geht wie dir? Sie müssen sich zu Hause auch regelmäßig um jemanden kümmern. Die nennt man ‚Young Carer‘. Viele von ihnen erzählen niemandem davon, weil sie Angst haben, dass dann alles kompliziert wird. Aber eigentlich sind sie echte Helden. Du musst das alles aber nicht allein tragen. Ich bin als dein Lehrer für dich da und wir finden für alles eine Lösung.“

Dann kannst du gezielte Hilfsangebote setzen und Plattformen aufzeigen:
„Ich habe für dich nach kostenlosen Apps recherchiert, bei denen du Informationen, Tipps und Ratschläge erhalten kannst. Man chattet einfach anonym mit Profis, wenn man mal eine Frage hat oder alles zu viel wird. Sollen wir die Apps gemeinsam auf dem Handy anschauen? Oder soll ich sie dir aufschreiben und dir den Zettel einfach mitgeben? Du kannst ihn einstecken und in Ruhe allein nachschauen.“
- Young Carers Austria App
- Alles Clara für Young Carers – kostenlos Fragen stellen
time4friends– Ein Peerprojekt des Jugendrotkreuzes- Superhands
- Young Carers Community Austria
Gib deiner Schülerin Zeit und biete ihr an, dass sie sich jederzeit bei dir melden kann, wenn sie Unterstützung benötigt.
Gib ihr das Gefühl, nicht alles alleine bewältigen zu müssen.
Liebe Grüße
Lydia

