Zum diesjährigen Welt-Alzheimertag will sich Alles Clara den Personen widmen, welche meist hinter den Demenzbetroffenen stehen: Die pflegenden Angehörigen.
Wenn wir über Alzheimer und Demenz sprechen, denken wir häufig zuerst an die betroffene Person: an Vergesslichkeit, Orientierungslosigkeit, Veränderungen der Persönlichkeit und den zunehmenden Verlust von Selbstständigkeit. Doch hinter vielen Menschen mit Demenz steht eine weitere Person, deren Leben sich oft ebenso grundlegend verändert: ein pflegender Angehöriger.
Als Klinische- und Gesundheitspsychologin in der Angehörigenberatung erlebe ich immer wieder, wie groß diese Belastung sein kann. Und gleichzeitig begegnen mir Menschen mit einer beeindruckenden Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, da zu sein und einen geliebten Menschen nicht allein zu lassen.
„Ich kann doch meine Mutter nicht im Stich lassen!“ Dieser Satz begegnet mir häufig. Dahinter stehen Liebe, Verantwortungsgefühl und der Wunsch, für einen Menschen da zu sein, der einem ein Leben lang wichtig war. Doch hinter diesem Satz steckt oft auch etwas anderes: Erschöpfung. Überforderung. Schuldgefühle. Und manchmal die leise Frage: „Wie lange schaffe ich das eigentlich noch?“ Und dies macht deutlich, in welchem Spannungsfeld sich viele Angehörige befinden. Sie möchten für den anderen da sein – und bemerken dabei oft erst spät, dass sie selbst immer weniger Kraft haben.

Dieser Artikel stammt von Barbara. Sie ist Klinische und Gesundheitspsychologin und kennt die Herausforderungen, Sorgen und Ängste die Angehörige oft haben.
Pflege beginnt häufig schleichend
Pflege beginnt oft nicht mit einer bewussten Entscheidung – sie entwickelt sich schleichend. Zunächst sind es kleine Hilfestellungen: Einkäufe erledigen, an Termine erinnern, Medikamente vorbereiten oder bei Behördengängen unterstützen. Mit fortschreitender Erkrankung werden daraus immer mehr Aufgaben.
Aus gelegentlicher Unterstützung wird tägliche Begleitung – aus Begleitung wird Organisation. Und irgendwann bestimmen Pflege, Betreuung und die Sorge um den Angehörigen den gesamten Alltag. Pflege ist grundsätzlich herausfordernd. Bei einer Demenzerkrankung kommen jedoch besondere Belastungen hinzu. Denn einerseits können kognitive Veränderungen dazu führen, dass Termine und Absprachen vergessen, Fragen immer wieder gestellt oder Situationen nicht mehr richtig eingeschätzt werden. Und andererseits können sich Verhalten und Persönlichkeit verändern. Ein vertrauter Mensch reagiert plötzlich misstrauisch, gereizt oder zieht sich zunehmend zurück. Für Angehörige kann das emotional sehr schwierig sein.
Demenz verändert nicht nur den Alltag, sondern häufig auch Beziehungen und Rollen innerhalb einer Familie. Die eigene Mutter benötigt Unterstützung beim Anziehen oder dem Toilettengang. Der Ehepartner mit dem man jahrzehntelang Entscheidungen gemeinsam getroffen hat, braucht nun selbst Orientierung und Hilfe. Aus Partnerinnen oder Partnern werden Pflegende, aus Kindern werden Organisierende und Verantwortliche. Dieser Rollentausch kann emotional sehr fordernd sein.
In Österreich sind rund 900.000 bis 950.000 Personen in die Betreuung und Pflege von Angehörigen involviert. Rund 69 % aller pflegenden Personen sind Frauen. Etwa die Hälfte der pflegenden Angehörigen steht im erwerbsfähigen Alter und rund 31 % davon sind tatsächlich erwerbstätig, was oft zu einer Doppelbelastung führt.
Pflegende Angehörige leisten enorm viel – körperlich, organisatorisch und vor allem emotional. Gleichzeitig versuchen sie, Beruf, Familie, Haushalt, eigene Kinder und Pflege miteinander zu vereinbaren. Viele Angehörige merken erst spät, wie sehr sie selbst dabei an ihre Grenzen kommen.
Belastungsgrenzen ernst nehmen
„Ich liebe diesen Menschen – aber ich kann nicht mehr.“ Beides kann gleichzeitig wahr sein. Man kann seinen Vater lieben und trotzdem erschöpft sein. Man kann für die eigene Partnerin da sein wollen und sich trotzdem nach einer Pause sehnen. Innerhalb einer Pflegesituation neigen viele pflegende Angehörige dazu ihre eigenen Grenzen immer wieder neu zu setzen, auszudehnen um immer mehr schaffen zu können. Eigene Bedürfnisse rücken immer weiter nach hinten.
Wer dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, riskiert körperliche und psychische Erschöpfung. Studien zeigen, dass pflegende Angehörige – insbesondere bei hoher Pflegebelastung – ein erhöhtes Risiko für depressive Symptome, Angst, Schlafprobleme und andere gesundheitliche Beschwerden haben.
Um als pflegender Angehöriger selber gesund zu bleiben ist es sehr wichtig seine eigenen Belastungsgrenzen ernst zu nehmen – und zwar möglichst früh. Schon erste Warnsignale verdienen Aufmerksamkeit: dauernde Gereiztheit, zunehmende Ängste, sozialer Rückzug, häufiges Weinen, das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen oder Gedanken wie „Ich kann einfach nicht mehr“. Sie können Hinweise darauf geben, dass die eigene Belastungsgrenze erreicht oder bereits überschritten worden ist.
Viele Angehörige haben das Gefühl, alles selbst schaffen zu müssen. Sie wollen die betroffene Person nicht „abschieben“. Sie haben vielleicht Angst, dass andere nicht so gut auf sie eingehen können. Oder sie empfinden Schuld, wenn sie Unterstützung benötigen. Doch professionelle Unterstützung bedeutet nicht, einen geliebten Menschen im Stich zu lassen. Im Gegenteil: Hilfe anzunehmen kann bedeuten, Verantwortung zu übernehmen – für die eigene Gesundheit. Nur wenn es einem selbst gut geht, kann man auch eine Hilfe für andere sein. Dabei muss nicht immer sofort eine große Veränderung erfolgen.

6 Tipps um als pflegender Angehöriger gesund zu bleiben:
- Wissen aneignen
Informieren Sie sich über Demenz. Bücher, seriöse Informationsangebote und Beratungsstellen können helfen, Veränderungen besser zu verstehen. Wissen schafft Orientierung und kann Ängste reduzieren.
- Frühzeitig Beratung suchen
Warten Sie nicht, bis die Belastung zu groß wird. Demenz- und Sozialberatungsstellen kennen regionale Unterstützungsangebote und können gemeinsam mit Ihnen überlegen, was zu Ihrer Situation passt.
- Entlastung organisieren
Mobile Dienste, Essen auf Rädern, Besuchsdienste, stundenweise Betreuung, Tageszentren, Kurzzeitpflege oder 24-Stunden-Betreuung können konkrete Entlastung schaffen.
- Verantwortung verteilen
Pflege ist keine Aufgabe, die automatisch bei einer einzigen Person liegen muss. Vereinbaren Sie klare Aufgaben innerhalb der Familie und nehmen Sie Unterstützung von Freunden oder Nachbarn an.
- Austausch und psychologische Unterstützung nutzen
Angehörigengruppen, Stammtische oder psychologische Gespräche können helfen, Erfahrungen zu teilen, Gefühle einzuordnen und neue Perspektiven zu entwickeln.
- Sich selbst nicht aus dem Blick verlieren
Machen Sie sich selbst zu einem wichtigen Termin in Ihrem Kalender. Ein Spaziergang, ein Kaffee in Ruhe, Sport, ein Treffen mit Freunden oder einfach Zeit ohne Verantwortung – Selbstfürsorge muss nicht groß sein. Entscheidend ist, dass sie regelmäßig stattfindet und nicht immer als Erstes gestrichen wird.
Auch digitale Angebote können eine wichtige Brücke sein – gerade dann, wenn die Zeit knapp ist, man nicht weiß, wohin man sich wenden soll oder Unterstützung schnell und unkompliziert gebraucht wird. Man muss nicht alles allein wissen. Man muss nicht alles allein können. Und man muss nicht alles allein tragen.
Am Welt-Alzheimertag sollten wir deshalb nicht nur über Demenz sprechen. Wir sollten auch über jene Menschen sprechen, die tagtäglich mit den Auswirkungen der Erkrankung leben. Pflegende Angehörige sind häufig die tragende Säule des Versorgungssystems. Sie schenken Zeit, Geduld, Sicherheit und Nähe. Sie übernehmen Verantwortung, organisieren, begleiten und halten aus.
Als Klinische und Gesundheitspsychologin und Alles Clara Beraterin wünsche ich mir deshalb, dass Angehörige ihre eigene Belastung und ihre Bedürfnisse genauso ernst nehmen können wie die Erkrankung ihres geliebten Menschen.

