Viktoria, Klinische- und Gesundheitspsychologin bei der Caritas und Beraterin bei Alles Clara, beantwortet in diesem Beitrag eine fiktive Anfrage einer Frau, deren Mann mit einer fortgeschrittenen Herzschwäche lebt. Sie beschreibt einfühlsam, wie Paare mit veränderten Rollen umgehen können – und warum es wichtig ist, dass beide ihre Gefühle ernst nehmen.

Viktoria ist Klinische- und Gesundheitspsychologin bei der Caritas und Beraterin bei Alles Clara.
Fiktive Anfrage
„Liebes Alles Clara-Team, mein Mann ist 74 Jahre alt und lebt seit einiger Zeit mit einer fortgeschrittenen Herzschwäche. Früher war er immer derjenige, der für unsere Familie gesorgt hat – stark, zuverlässig, voller Energie. Jetzt ist er oft erschöpft, braucht Hilfe beim Gehen und hat Angst, dass er uns zur Last fällt.
Ich kümmere mich täglich um ihn, aber manchmal spüre ich, wie schwer es uns beiden fällt, diese neuen Rollen zu akzeptieren. Er leidet darunter, nicht mehr der ‚Starke‘ zu sein, und ich fühle mich überfordert, plötzlich diejenige zu sein, die alles trägt. Manchmal habe ich das Gefühl, wir verlieren uns beide in dieser Krankheit – er seine Selbstständigkeit, ich meine Leichtigkeit.
Meine konkrete Frage ist: Wie können wir als Paar lernen, mit dieser emotionalen Veränderung umzugehen, ohne dass unsere Beziehung nur noch von Krankheit und Pflege bestimmt wird?
Anna“

Antwort von Viktoria
Liebe Anna,
vielen Dank, dass du dich an Alles Clara wendest.
Es tut mir sehr leid zu lesen, wie belastend diese Zeit für euch beide ist. Wenn eine chronische Erkrankung das gemeinsame Leben so stark verändert, geraten viele Paare in eine ähnliche Situation: Die vertrauten Rollen stimmen nicht mehr, und es entsteht Unsicherheit, Überforderung und oft auch Traurigkeit.
Was in solchen Situationen helfen kann, ist zuerst einmal offen auszusprechen, was sich verändert hat. Nicht in Form von Vorwürfen, sondern eher so:
„Wir vermissen beide etwas.
Was können wir tun, damit wir besser damit umgehen können?“
Allein dieses Aussprechen kann emotionalen Druck lösen.
Wichtig ist auch, dass ihr euch bewusst Momente schafft, in denen ihr nicht als „Pflegende“ und „Patient“ agiert, sondern als Paar. Das müssen keine großen Unternehmungen sein. Kleine gemeinsame Rituale – eine Tasse Tee, Musik hören, ein kurzer Spaziergang – können helfen, den Blick wieder auf eure Beziehung zu richten und nicht nur auf die Erkrankung.
Für deinen Mann kann es entlastend sein zu hören, dass seine Bedeutung nicht von körperlicher Stärke abhängt. Seine Lebenserfahrung, sein Charakter, seine Persönlichkeit – all das bleibt bestehen. Sich das immer wieder bewusst zu machen, kann sehr viel Druck nehmen.
Du schreibst, dass du deine Leichtigkeit zu verlieren beginnst. Das ist ein wichtiges Zeichen dafür, wie viel du trägst. Unterstützung anzunehmen ist keine Schwäche, sondern ein Beitrag zur Beziehungspflege.
Mögliche Angebote, die dich entlasten können:
- Ambulante Dienste
- Angehörigengruppen
- Psychologische Unterstützungsangebote
Wenn du nicht alles alleine machen musst, entsteht wieder mehr Raum für dich- und für euch als Paar.
Bitte lass mich wissen, ob diese Vorschläge für dich hilfreich sind. Ich schicke dir gerne passende Kontakte zu den jeweiligen Stellen.
Herzliche Grüße
Viktoria


