Lydia, Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin bei der Diakonie de La Tour in Kärnten und Beraterin bei Alles Clara, widmet sich in diesem Artikel einem Thema, das viele Familien betrifft: der Umgang mit einer Sehverschlechterung im Alter. Mit ihrer Erfahrung und ihrem Einfühlungsvermögen zeigt sie, wie pflegende Angehörige den Alltag ihrer Liebsten erleichtern können – und dabei auch selbst Unterstützung finden.

Lydia ist Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin bei der Diakonie de La Tour und Beraterin bei Alles Clara.
Sehen ist in unserer modernen Welt der wichtigste Sinn – nicht nur, um Informationen aufzunehmen, sondern auch, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Wenn das Lesen der Tageszeitung nicht mehr möglich ist oder die Gesichter der Menschen auf der Straße verschwimmen, bedeutet das eine erhebliche Einschränkung. Hinzu kommt, dass Sehprobleme im Alter häufig zu Stürzen führen können. Auch die geistige Leistungsfähigkeit kann durch eingeschränktes Sehen gemindert werden, das Risiko für Demenz steigt, und nicht selten entwickeln Betroffene eine Depression.
Eine sorgfältige augenärztliche Untersuchung, die Behandlung von Augenkrankheiten sowie individuell angepasste Sehhilfen und Hilfsmittel tragen entscheidend zu einem gesunden, selbstbestimmten Leben im Alter bei. Selbst wenn Krankheiten das Sehvermögen verschlechtern, können optische und elektronische Hilfsmittel das verbleibende Sehvermögen nutzen und die Teilnahme am Alltag fördern.
Viele ältere Menschen scheuen jedoch die Kosten für Sehhilfen. Die Folge: soziale Kontakte, Beweglichkeit und Lebensqualität gehen verloren.

Ein fiktives Beispiel aus der Beratung
„Mein Vater sieht immer schlechter und tut sich zu Hause schwer, Dinge zu finden. Meine Mutter hilft ihm so gut sie kann, doch sie ist selbst schon über 80 Jahre alt. Was mich traurig macht: Er wird immer öfter forsch gegenüber meiner Mutter, obwohl sie alles versucht, um es ihm leichter zu machen.
Wie können wir ihm den Alltag erleichtern?“
Die Antwortvon Lydia
Liebe Ratsuchende,
Lernen, mit Einschränkungen zu leben, gehört im Alter oft dazu. Besonders schwer fällt es, wenn man sich auf den wichtigsten Sinn – das Sehen – nicht mehr verlassen kann. Chronische Augenkrankheiten führen häufig zu Sehbehinderungen, die den Alltag verändern. Betroffen sind nicht nur die Patientinnen und Patienten selbst, sondern auch ihre Familien und das soziale Umfeld.
Als Betroffener muss man lernen, Hilfe anzunehmen. Das fällt schwer, weil schnell das Gefühl entsteht, abhängig zu sein und nichts zurückgeben zu können. Gleichzeitig verändert sich das vertraute Netz von Beziehungen.
In solchen Situationen entstehen Ängste, die sich oft als Unmut gegenüber Angehörigen äußern. Sehende Menschen denken und handeln nun einmal wie Sehende – ein Fingerzeig oder ein ausgestreckter Arm helfen wenig, wenn man die Richtung nicht erkennen kann. Präzise Ortsangaben wie „die erste Tür rechts“ oder „ein Meter hinter dir steht ein Stuhl“ sind dagegen eine große Hilfe.
Auch das Begleiten will gelernt sein: Zuerst Zustimmung einholen, dann den Arm anbieten. Der Betroffene greift in Ellbogenhöhe, so entsteht automatisch der richtige Abstand beim Gehen. Hindernisse und Richtungsänderungen sollten angekündigt werden.

Praktische Tipps für Angehörige
1. Orientierung und Sicherheit verbessern
- Stolperfallen entfernen (Teppiche, Kabel), Wege freihalten, Möbel an derselben Stelle belassen
- Kontraste schaffen: z. B. dunkle Tischdecke mit weißem Geschirr, markierte Treppenstufen
- Helle, blendfreie Beleuchtung in allen Räumen, besonders im Gang, Bad und in der Küche
- Gut sichtbare oder fühlbare Griffe und Haltestangen
2. Selbstständigkeit fördern
- Gegenstände immer am selben Ort aufbewahren
- Hilfsmittel nutzen: Vergrößerungsgläser, sprechende Uhren, Bildschirmlesegeräte, Apps mit Vorlesefunktion
- Alltagsgegenstände mit fühlbaren oder kontrastreichen Markierungen versehen
- Rutschfeste Matten in Bad und WC, kontrastreiche WC-Brille und Armaturen

3. Kommunikation anpassen
- Beim Betreten des Raumes laut ansprechen
- Dinge beschreiben statt zeigen („Die Tasse steht rechts neben dem Teller“)
- Geduld und Ruhe bewahren – Zuhören und emotionale Unterstützung sind wichtig
4. Alltag strukturieren
- Regelmäßige Tagesabläufe beibehalten
- Erinnerungshilfen: Kalender mit großer Schrift, akustische Erinnerungen per Smartphone
- Sprechende Geräte wie Uhren, Waagen oder Blutdruckmessgeräte nutzen

5. Austausch und Unterstützung suchen
- Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen (z. B. Blinden- und Sehbehindertenverband)
- Pflegedienste stundenweise zur Entlastung einbinden
- Pflegekurse von Krankenkassen oder Pflegekassen besuchen
6. Auch auf sich selbst achten
- Pausen einplanen, um gesund zu bleiben
- Emotionale Unterstützung suchen – durch Gespräche, professionelle Beratung oder Austauschgruppen
Fazit
Sehverschlechterungen im Alter sind eine große Herausforderung – für Betroffene und ihre Angehörigen. Mit klarer Kommunikation, praktischen Anpassungen im Alltag und gegenseitigem Respekt lässt sich jedoch viel Lebensqualität bewahren. Angehörige sollten sich bewusst machen: Sie sind nicht allein. Unterstützung durch Fachleute, Selbsthilfegruppen und Pflegedienste kann entlasten und neue Wege eröffnen.


