Barbara, Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin bei der Caritas Diözese St. Pölten und Beraterin bei Alles Clara, beantwortet in diesem Beitrag eine fiktive Anfrage einer Frau, deren Mann vor wenigen Wochen verstorben ist. Sie beschreibt einfühlsam, warum Trauer und Erleichterung nebeneinander bestehen dürfen und weshalb Unterstützung auch nach dem Tod eines Angehörigen wichtig bleibt.

Barbara ist spazialisiert in der Lebens- Sterbe- und Trauerbegleitung. Sie ist Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin bei der Caritas Diözese St. Pölten und Beraterin bei Alles Clara.
Fiktive Anfrage
„Liebes Alles Clara-Team,
darf ich mich überhaupt noch an euch wenden, obwohl mein Mann inzwischen verstorben ist? Viele Jahre habe ich ihn gepflegt, und nun bin ich plötzlich keine pflegende Angehörige mehr. Trotzdem spüre ich, dass ich Ihre Unterstützung brauche und dass meine Fragen und Gefühle nicht einfach mit seinem Tod verschwunden sind.
Mein Mann ist vor wenigen Wochen gestorben. Ich bin sehr traurig und vermisse ihn unendlich – die Stille im Haus macht mir oft Angst, und ich weiß manchmal nicht, wie ich meinen Alltag ohne ihn gestalten soll. Gleichzeitig fühle ich auch eine gewisse Erleichterung, weil die Pflege mich zuletzt stark belastet hat und ich kaum noch Kraft hatte.
Diese widersprüchlichen Gefühle machen mir große Sorgen: Einerseits habe ich das Gefühl, ihn zu verraten, wenn ich Erleichterung empfinde, andererseits weiß ich, dass ich selbst wieder zu Kräften kommen muss.
Meine konkrete Frage ist: Darf ich mich auch nach dem Tod meines Mannes mit meinen Gefühlen an Alles Clara wenden und wie kann ich lernen, mit dieser Ambivalenz zwischen tiefer Trauer und spürbarer Erleichterung umzugehen, ohne mich dafür zu schämen?
Sabine“

Antwort von Barbara
Liebe Sabine,
selbstverständlich darfst du dich jederzeit an Alles Clara wenden. Deine Gefühle und Fragen sind auch nach dem Tod deines Mannes wichtig und verdienen Raum.
Du befindest dich in einer sehr herausfordernden Übergangsphase. Die intensive Zeit der Pflege hat Spuren hinterlassen – körperlich, emotional und im Alltag. Es ist nachvollziehbar, dass du nun Unterstützung suchst.
Dass du sowohl tiefe Trauer als auch Erleichterung empfindest, ist normal. Viele Menschen, die lange Zeit einen geliebten Menschen gepflegt haben, kennen genau diese Ambivalenz. Die Erleichterung bedeutet nicht, dass du deinen Mann verrätst. Sie zeigt vielmehr, wie sehr du an deine Grenzen gegangen bist und wie notwendig es ist, wieder Kraft zu schöpfen.
Der Weg der Trauer ist individuell und verläuft nicht geradlinig. Es ist ein Prozess, der Zeit braucht – mit Phasen der Klarheit, aber auch Momenten der Verwirrung und des Zweifels. Dass du dir diese Gefühle eingestehst, ist ein wichtiger Schritt.
Um mit diesen Gefühlen umzugehen, kann Folgendes hilfreich sein:
- Gefühle zulassen: Erlaube dir, alles zu spüren: Trauer, Wut, Leere – und auch Erleichterung. Gefühle verschwinden nicht, wenn man sie verdrängt.
- Darüber sprechen oder schreiben: Gespräche mit vertrauten Menschen oder einer Beratungsstelle können entlasten. Auch ein Tagebuch kann helfen, Gedanken zu sortieren.
- Selbstmitgefühl üben: Du hast über Jahre hinweg Großes geleistet. Sei nachsichtig mit dir selbst. Erleichterung schmälert weder deine Liebe noch deinen Verlust.
- Professionelle Begleitung suchen: Trauerbegleitung kann helfen, Gefühle zu ordnen und neue Perspektiven zu entwickeln. Auch Trauergruppen oder Trauercafés bieten Austausch mit Menschen in ähnlichen Situationen.
Ich möchte dir einige Ressourcen ans Herz legen, die hilfreich sein können:
- Trauerbegleitung: Informationen und Anlaufstellen Trauerbegleitung – Dachverband HOSPIZ Österreich
- Buchtipp: „Ich lebe mit meiner Trauer“ Startseite – Chris Paul – ein einfühlsamer Einblick in die vielen Facetten der Trauer, geschrieben von einer Trauerbegleiterin.
Du bist mit deinen Gefühlen nicht allein.
Ich möchte dich auf diesem Weg gerne weiterhin begleiten. Gemeinsam können wir Strategien entwickeln, die dir helfen, deine Lebensqualität zurückzugewinnen und mit der Trauer umzugehen.
Ich freue mich darauf, wieder von dir zu lesen.
Herzliche Grüße
Barbara



