Zwischen Fürsorge und Festlichkeit

Eine fiktive Frage einer Ratsuchenden

In diesem Artikel beantwortet Markus, diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger beim Samariterbund und Berater bei Alles Clara, eine fiktive Anfrage einer Ratsuchenden. Dabei geht er auf die emotionalen Herausforderungen pflegender Angehöriger ein und zeigt, wie wichtig es ist, sich selbst eine Auszeit zu gönnen – gerade in der Weihnachtszeit.

Markus ist diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger beim Samariterbund und Berater bei Alles Clara.

Fiktive Anfrage einer Ratsuchenden:

Liebes Alles Clara-Team,

ich pflege seit über einem Jahr meine Mutter, die nach einem Schlaganfall stark eingeschränkt ist. Ich liebe sie sehr, aber ich merke, dass ich langsam an meine Grenzen komme.

Jetzt steht Weihnachten vor der Tür, und meine Geschwister haben vorgeschlagen, dass ich ein paar Tage zu ihnen komme – einfach mal raus, durchatmen, feiern. Aber ich habe ein schlechtes Gewissen.

Wie kann ich fröhlich sein, wenn meine Mutter allein ist oder von jemand anderem betreut wird?

Ich frage mich, ob es egoistisch ist, wenn ich mir eine Auszeit nehme. Gleichzeitig sehne ich mich so sehr nach ein bisschen Normalität.

Wie kann ich mit diesem inneren Konflikt umgehen?

Die Antwort von Markus:

Liebe Ratsuchende,

vielen Dank, dass du dich mit deinem Anliegen an uns wendest. Deine Zeilen berühren mich sehr, und ich möchte dir zunächst meine tiefe Anerkennung für das aussprechen, was du seit über einem Jahr leistest. Die Pflege eines geliebten Menschen, besonders nach einem Schlaganfall, ist eine der forderndsten Aufgaben überhaupt – sie verlangt enorme körperliche und seelische Kraft. Dass du deine Mutter liebst und dennoch spürst, dass du an deine Grenzen kommst, ist absolut menschlich und verständlich.

Dein innerer Konflikt ist typisch für pflegende Angehörige und zeigt nur, wie groß deine Fürsorge und Verantwortung sind. Lass mich dir ganz klar sagen: Deine geplante Auszeit ist kein Egoismus, sondern eine lebenswichtige Notwendigkeit.

Eine Pause ist die Basis für gute Pflege.

Du bist das Fundament der Pflege. Wenn das Fundament bröckelt, kann das ganze Haus nicht stehen bleiben. Sieh deine geplante Auszeit über Weihnachten nicht als Luxus, sondern als Investition in die langfristige Qualität der Betreuung deiner Mutter und in deine eigene Gesundheit. Eine übermüdete und erschöpfte Person kann nicht optimal für andere da sein. Wenn dein „Akku“ aufgeladen ist, kannst du auch im neuen Jahr wieder mit Geduld und Liebe für sie da sein.

Das schlechte Gewissen, das du spürst, ist der Ausdruck deiner tiefen Verbundenheit. Es zeigt, wie wichtig dir deine Mutter ist. Aber Schuldgefühle sind Gefühle, keine Fakten. Die Fakten sind: Du hast seit einem Jahr Außergewöhnliches geleistet, und du brauchst eine Pause, um gesund zu bleiben.

Versuche, den Gedanken umzuformulieren: Statt: „Ich bin egoistisch, weil ich meine Mutter allein lasse, um Spaß zu haben.“ Denke: „Ich handle verantwortungsvoll, weil ich weiß, wann ich eine Pause brauche, um meine Mutter auch in Zukunft mit Liebe und Kraft pflegen zu können. Ich gönne mir diese Erholung, damit ich danach wieder voll für sie da sein kann.“

Es ist völlig in Ordnung, sich nach Normalität und Freude zu sehnen und gleichzeitig um die Situation deiner Mutter traurig zu sein. Glück und Trauer dürfen nebeneinander existieren. Erlaube dir, beides zu empfinden, wenn du bei deinen Geschwistern bist. Deine Mutter ist in dieser Zeit nicht „allein“, sondern in guten Händen, während du dich erholst.

Praktische Schritte für die Auszeit:

  • Sorge für absolute Sicherheit: Organisiere die Betreuung deiner Mutter in deiner Abwesenheit so, dass du das Gefühl hast, sie ist sicher und gut versorgt (z. B. durch eine Vertretungskraft oder Kurzzeitpflege).
  • Plane fixe Kontaktzeiten: Richte feste Zeiten für tägliche Anrufe oder Video-Chats ein. Das gibt dir Sicherheit, ohne dass du ständig die Kontrolle behalten musst.
  • Lass wirklich los: Gib der Ersatzpflegeperson alle notwendigen Informationen, aber widerstehe dem Drang, ständig anzurufen. Nutze diese Zeit wirklich für dich und deine Erholung.
  • Sei sanft zu dir selbst: Wenn doch einmal das schlechte Gewissen hochkommt, erkenne es an, aber kämpfe nicht dagegen. Erinnere dich daran: „Das ist mein Schuldgefühl, aber ich weiß, dass ich das Richtige tue.“

Bitte, nimm dir diese Auszeit. Du verdienst es, Kraft zu schöpfen. Ich wünsche dir von Herzen eine erholsame Zeit im Kreis deiner Geschwister.

Möchtest du, dass ich dir Informationen zu Entlastungsangeboten für pflegende Angehörige (z. B. Kurzzeitpflege oder Verhinderungspflege) heraussuche, die dir helfen, solche Auszeiten auch über die Feiertage hinaus regelmäßig zu nehmen?

Alles Liebe,

Markus

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Ein Beitrag in Kooperation mit der Caritas der Erzdiözese Wien

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